"Das Schweigen" betitelte
Ev ihr letztes Posting und schreibt:
Zitat: ... Langsam, sehr langsam findet ein Umdenken statt. Nicht beim Nachbarn mit den praktischen Pestiziden aus dem Baumarkt. Auch nicht bei den Anlegern des Kies- und/ oder des Rindenmulchgartens. Vögel? Will man nicht, die verkacken die teuren Fliesen. Insekten will man auch nicht, die ziehen nur die kackenden Vögel an, kacken selbst wiederum auf die Fenster, die so nicht blitzblank bleiben und dazu stechen sie einen auch noch. Bunte Blumen? Nö, die verwelken irgendwann nur und dann muss man die hässlichen, brauen Reste aus den Pflanzen schneiden oder vom Rasen auflesen...
Selbstverständlich habe ich
Ev um Erlaubnis gebeten, sie hier zitieren zu dürfen, denn ihr Posting sprang mich förmlich an und es begann mir in den Fingern zu jucken, auch über dieses Thema schreiben zu wollen. Ich fragte mich nämlich, ob sie vielleicht meinen Nachbarn hier im Haus persönlich kennt?!
Eines vorweg: hier schweigt nix!
Sonntag Morgen kurz vor 8 Uhr:
Mit dem ersten Kaffee hocke ich auf meinem Balkon, genieße den Moment.
Es ist Frühling, die Sonne scheint vom strahlend blauen Himmel, von fern zwitschert fröhlich Herr Amsel, seine Gattin weilt im Nest neben mir und bebrütet brav ihre 4 hübschen Eier. Der Balkon liegt abseits der verkehrsberuhigten Strasse. Es herrscht eine friedliche Atmosphäre hier.
Zunächst jedenfalls. Bis plötzlich - Sonntag morgens kurz vor 8 Uhr - der Nachbar aus dem Haus gestürzt kommt, laut in die Hände klatschend zu einem etwas vom Eingang entfernten Baum an die Grundstücksgrenze läuft und wild gestikulierend laut "ksch - KSCHSCH- ksch" macht.
Die Situation ist so skurril, dass man fast lachen könnte. Fast. Wenn es nicht so traurig wäre!
Die Aufmerksamkeit meines Nachbarn gilt - einer Ringeltaube.
(Ringeltaube! Nicht zu verwechseln mit der Stadttaube, welche auch "Ratte der Lüfte" genannt wird und die übrigens letztendlich auch ein Lebewesen und kein Müll ist.) Diese Ringeltaube sitzt an diesem schönen Frühlingsmorgen - es ist noch immer kurz vor 8 Uhr, ganz still und artig im Ahorn auf ihrem Nest. Sie scheint zwar durch die Machenschaften des munteren Nachbarn etwas beunruhigt, hält jedoch tapfer die Stellung.
Der Nachbar verschwindet wieder im Haus.
Mal gut, denke ich grad noch... da ist er auch schon zurück. In der Hand hält es eine lange, dünne Eisenstange, mit der er nun, das laute "ksch - KSCHSCH- ksch"- Rufen wieder aufnehmend, hinauf in den Baum nach dem Nest stochert.
Vergeblich sagt seine Frau vom offenen Fenster aus, dass er aufhören und wieder hineinkommen soll.
Er erreicht das Nest nicht und beginnt mit der Stange gegen die Äste zu stoßen. OH NEIN. Alles wackelt.
Schließlich gibt die Klügere nach und fliegt davon... Sonntag Morgen kurz vor 8 Uhr.
Warum ich nicht eingegriffen habe?
Weil die Erfahrung der letzten Jahre gezeigt hat, dass Worte hier Energieverschwendung sind!
Dieser Nachbar hat sich von seinem Einzug an dafür eingesetzt, dass nach und nach hier rund ums Haus die Bäume gefällt werden
.
Dieser Nachbar hat jetzt vor das Haus (womöglich als Ersatz für die meterhohe Eibe?) eine mikerige einzelne Rose gepflanzt. Das war schon länger sein Wunsch.
Dieser Nachbar verbringt seit Jahren seine Zeit - und er hat viel Zeit, er ist Rentner - damit, Vögel zu scheuchen und schießt mit Knall und ich-weiß-nicht-was aus dem Fenster nach den Tauben.
Dieser Nachbar hat durchgesetzt, dass die Rasenfläche vorm Haus mit Geröll bedeckt wurde, weil da manchmal Hundedreck lag. (Der liegt da übrigens ab und an immer noch. Nur jetzt halt nicht mehr auf Rasen, sondern auf Steinen.)
Um unser Haus entstand, wo es vorher grün war, nach und nach eine Steinwüste.
Es ist aber mehr als nur die Optik, was mir Sorgen macht:
- Keine Wurzeln sind mehr da, die noch den Boden festhalten und/ oder Regenwasser aufnehmen könnten
- Keine Insekten finden mehr Nahrung und Schutz im Gras oder im Laub
- Die Amseleltern mit dem Nest auf meinem Balkon werden dieses Jahr viel weiter fliegen müssen, um ihre Pieplinge mit Futter zu versorgen
Ich zitiere nochmals Ev:
Vögel? Will man nicht, die verkacken die teuren Fliesen.
... und ergänze: Rasen, will man nicht, Bäume auch nicht, denn auf Rasen und Bäumen, da sitzen die Vögel. Und Vögel - dass bedeutet auch Ringeltauben und die will man nicht, weil - siehe oben...
Wie kann es sein, dass ein gebildeter alter Mann in seinem langen Leben nicht gelernt hat, dass wir Menschen nur ein kleiner Teil der Natur, eines großen Ganzen sind?
Die Ansichten dieses Nachbarn werde ich nicht mehr ändern können.
Ich pendel so oft zwischen Wut und Trauer hin und her, fühle mich hilflos, wie die Taube im schwankenden Geäst, spreche heimliche Verwünschungen aus, denke unflätige Worte, sinne innerlich auf Rache, versuche trotzdem ruhig und sachlich zu bleiben (an mein Karma zu denken ;o) und dieser Welt einen eigenen kleinen, besseren Beitrag zu leisten.
Und wisst ihr was?!
Die Ringeltaube ist nach einiger Zeit zu ihrem Nest zurückgekehrt und die Schmetterlinge sind auch noch da. Die sitzen auf den warmen Steinen und schenken mir ein kleines bisschen Hoffnung!
Danke dir Ev -
klick - (
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,
für den Anstoß und dass ich dich hier zitieren durfte!